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Glücklich ist, wer mit Köpfchen kauft

Nike van Dinther wurde eines Tages beinahe vom Inhalt ihres Kleiderschranks erschlagen. Hier erzählt sie, wie sie es schaffte, sich vom Überfluss zu befreien und fortan Glück statt Ballast zu horten.

Eines Tages wachte ich auf und sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Wobei mir eher Berge die Sicht versperrten, Kleiderberge, um genau zu sein. Mein Schrank glich dem Kilimandscharo, bloß hatte er über die Jahre jegliche Pracht und Schönheit verloren, zu viel Unkraut in Form etlicher Fehlkäufe und unnützer Anschaffungen hatten sich mittlerweile auf dem Gipfel angesammelt und drohten langsam aber sicher alles Darunterliegende zu ersticken. Dass „mehr“ plötzlich gar nicht mehr wirklich „mehr“, sondern zweifelsohne „zu viel“ war, erkannte ich etwa daran, dass von sechs weißen T-Shirts kein einziges wie angegossen passen wollte. Auch fünfzehn Jeanshosen sollten nicht ausreichten, um aus meinem Birnenhintern einen Apfelpo zu zaubern, ganz zu schweigen von den sieben schwarzen Schuhpaaren, die ich mir nach und nach, aber jedes Mal in Eile und in der Hoffnung angeschafft hatte, irgendwann das perfekte zu finden. Dem war nicht so. Ein achtes Paar folgte, ebenso wie die erneute Erkenntnis, schon wieder daneben gegriffen zu haben. Ich ertrank im Überfluss. Und ignorierte allzu lang, dass man beim Kaufen nicht nur das Portemonnaie, sondern vor allem den Kopf benutzen sollte. So wie bisher konnte es nicht weitergehen.

© This Is Jane Wayne
© This Is Jane Wayne 
Ich bestieg also den Gipfel des Chaos, um eine weiße Fahne mit der Aufschrift ,Klüger Konsumieren‘ zu hissen.

Ich bestieg also den Gipfel des Chaos, um eine weiße Fahne mit der Aufschrift „Klüger Konsumieren“ zu hissen. Es war ein steiniger Aufstieg, keine Frage, voll Trennungsschmerz und Verlustängsten. Aber ich würde es immer wieder tun, schon allein wegen der bald folgenden rosigen Aussicht. Oder besser: Übersicht.

Ganz langsam tastete ich mich also an das Ungetüm heran und begann zunächst damit, herauszurupfen, was längst nicht mehr nach Glück aussah. Angehäufte verwaschene Shirts, zu enge Hosen, alles, was ich doppelt und dreifach besaß. Spontankäufe, die niemals zum Einsatz kamen, Kleider, die mir wenig standen und So-Lala-Besitztümer. Auf nimmer Wiedersehen. In der Mitte meiner Mission angekommen, fiel mir außerdem Mari Kondos Buch „The Magic Cleaning“ in die Hände, woraufhin ich ihren Rat befolgte und im Angesicht jedes noch so kleinen übrig gebliebenen Stück Stoffs fragte: Bringst du mir Freude? „Ja“ hieß bleiben, „nein“ gehen und ein „vielleicht“ ließ ich erst gar nicht gelten. Noch mehr Abschiede. Es blieb nicht viel übrig, aber noch immer mehr als genug. Da erkannte ich schon das nächste Problem:

Ich war offenbar stets gut darin gewesen, besagten Berg rasch wachsen zu lassen, bloß vergaß ich, ihn mit Bedacht zu pflegen. Ich sah einfach nicht richtig hin, ignorierte die ein oder andere klaffende Lücke und stapelte stattdessen immer mehr Ballast auf der Spitze. In Form von spektakulären Röcken zum Beispiel, die zwar allesamt hübsch anzusehen, aber leider unmöglich aufzuführen waren, weil die passenden Pullover, Blusen oder T-Shirts dazu noch immer fehlten. Geld ausgeben für fast Unsichtbares, das erschien mir stets als pure Verschwelung. Heute weiß ich, dass das großer Quatsch ist. Denn nur wer schlau genug ist, in wertige Basics zu investieren und nach fehlenden Puzzleteilen zu suchen, statt immerzu ein neues Spiel zu eröffnen, wird irgendwann ans Ziel gelangen, das man Zufriedenheit nennt. Weshalb ich also nicht viel früher auf die Idee gekommen war, mir nicht nur für den Gemüse-, sondern auch für den Kleiderkauf einen nüchternen Einkaufszettel anzufertigen, ist mir bis heute ein Rätsel. Dabei ist die Taktik des geplanten Shoppings ebenso einfach wie effektiv. Schon allein, weil der goldene Rock, der im ersten Schritt aus rein romantischen Gründen ein „ja“ bekommen hatte, plötzlich doch noch Sinn ergibt.

Dank dieser Offenbarung investierte ich in den kommenden Monaten also ausschließlich in unspektakuläre Pendants für Spektakuläres. Das Schließen weiterer Lücken (endlich Unterwäsche für die transparente Bluse!) führte am Ende zu einer gefühlten Verdreifachung der Größe meines Kleiderschrankinhalts, obwohl der Kilimandscharo in Wahrheit längst auf die Höhe eines durchschnittlichen Alpengebirges zusammen geschrumpft war. Weniger war zum ersten Mal tatsächlich mehr! Weil Altes sich durch ganz neue Kombinationen wieder taufrisch anfühlte, weil ich wieder Luft bekam. Weil ich meinen Kleiderschrank zum ersten Mal so gut kannte wie den Inhalt meiner Hosentaschen. Seine Stärken und Schwächen. Ich war nicht mehr frustriert, sondern erfinderisch. Und hoch motiviert, dass es künftig bitte dabei bleiben möge.

Und so wurde ich zum Fuchs. Zum cleveren Shopping-Köpfchen sozusagen, das dem Konsum zumindest mit Hirn entgegentritt, wenn es ihm schon verfallen sein muss. Bevor etwa die Sale-Glocke läutet, überlege ich inzwischen ganz genau, welcher Kauf sich wirklich lohnt, statt wahllos und voll Wahnsinn Einkaufskörbe vollzuladen. Ich schaue weniger nach links und rechts, so bleibt das eigene Gras viel grüner. Ich investiere lieber in einen großen Wunsch, der ewig währt oder zauberhaft glänzt und verzichte dafür auf fünf halbherzige. Statt neues Unkraut auf meinem kostbaren Klamottenberg wachsen zu lassen, überprüfe ich außerdem zeitnah, welches Pflänzchen sich dem Ende neigt, um es in neue Hände zu geben, die es womöglich sogar aufzupäppeln vermögen. Das tut sogar dem Karma gut. Und wenn ich wie jeder normale Mensch doch mal die Vollkrise kriege und dem Trugschuss erliege, absolut überhaupt nichts zum Anziehen zu haben, dann trete ich zwei Schritte zurück, atme tief durch und schaue mir den Berg aus der Ferne an. Meist reicht das schon, um zu erkennen, was für ein riesengroßes Glück ich mit meiner neuen, aufgeräumten Aussicht habe.