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Die Freiheit der Unentschlossenen

Nike van Dinther hat aus ihrer modischen Unentschlossenheit eine Tugend gemacht. In ihrer Kolumne erklärt sie, weshalb es Spaß macht, sich jeden Tag neu zu erfinden.

Es kommt hin und wieder vor, dass ich morgens aufwache und beim Anblick meines allgemeinen Kleiderchaos’ den dringenden Wunsch danach verspüre, heute doch bitte mal jemand anderes sein zu dürfen. Jemand mit einem Stil wie in Stein gemeißelt, den das Einkleiden nur einen schnellen und selbstsicheren Blick auf die nach gedeckten Farben sortierte Schrankstange kostet. Ich wünschte mir dann, ich sei ein bisschen mehr der solide Shopping-Typ, durch keinen Trend der Welt aus der Fassung zu bringen und vor allem überaus unkompliziert, schon allein wegen der vorherrschenden Stringenz meines eigenen Geschmacks. Aber es ist, natürlich, ganz anders. Denn in den allermeisten Fällen wache ich morgens mehr müde als motiviert auf und weiß vor lauter Zerknautschtheit noch nicht einmal, wer ich überhaupt bin.

© This Is Jane Wayne
© This Is Jane Wayne 
„Man muss sich hin und wieder selbst verlieren, um sich überhaupt finden zu können.“

Weil ich aber glücklicherweise früh gelernt habe, aus jeder Not eine Tugend zu machen, entschied ich mich irgendwann dazu, meine eigene Unentschlossenheit als Ausdruck von rar gewordener Freiheit zu werten. Man kann sich schließlich mehr als ein einziges Mal im Leben neu erfinden, im Grunde genommen sogar jeden Tag, vielleicht sollte man sogar - also los! Kaum etwas bereitet einem im modischen Kontext betrachtet doch mehr Freude, als das Experimentieren. Mit Stimmungen und Stilen zum Beispiel. Heute Jacky Kennedy, morgen Courtney Love – wieso auch nicht. Man stelle sich nur mal vor, auf wie viel optische Freude man verzichten müsste, würde man sich freiwillig in eine Art Käfig begeben und zwar bloß, weil man meint, das sei der einzige Weg zum stilsicheren Glück. Ich jedenfalls musste neulich lernen, dass man sich durchaus hin und wieder selbst verlieren muss, um sich überhaupt finden zu können. Und wer eben einen vielschichtigen Charakter in sich trägt, dem sei ein wenig Abwechslung doch nur gegönnt. Vergangene Woche etwa stolperte ich über eine alte Platte von Françoise Hardy, die während der 60er Jahre nicht nur Sängerin, sondern auch Stilikone war und eine Vorliebe für flauschige Mäntel hegte. Es dauerte keine Stunde, da hatte ich meinen alten Kunstpelzmantel wieder hervorgekramt, um beseelt und warm verpackt durch das graue Berlin zu schlendern. Mit ein bisschen Phantasie in petto kam mir die Welt sogar wieder ein bisschen friedlicher vor. Schön war das. Bis ich abends ein Buch von Simone de Beauvoir aufschlug, die sich Zeit ihres Lebens mit durchaus wichtigeren Dingen als wallendem Haar und Grazie beschäftigte, weshalb ich mich fast ein bisschen für die Wonne der vergangenen Stunden schämte. Am nächsten Tag trug ich ganz im Sinne des Existenzialismus einen schwarzen Rollkragenpullover und keine Schminke.

Man kann sich jetzt natürlich fragen, ob ich mich statt zu kleiden, vielmehr verkleide. Aber das ist es nicht. Ich lasse, wenn man so will, bloß zu, auch mal daneben zu liegen. Verrückt zu sein, oder gar spießig. Ich benutze Mode als Seismograph meiner Launen und Gedanken. Schon allein, weil ich es darf. Und das ist ein großes Glück. Eine große Freiheit sogar und Ausdruck von Selbstbestimmtheit. Weil der Kleiderschrank einer jeden Frau etwas so Persönliches ist, dass nur Dummköpfe es wagen würden, selbigen mit Regeln auszustaffieren. Aber vor allem, weil ich zwar ich, aber irgendwie auch jeden Tag anders bin.